In der Asylunterkunft in der Nähe des Marienplatzes im Herzen des Stuttgarter Südens leben bis zu 180 Flüchtlinge. Die Zahl ändert sich von Zeit zu Zeit, etwa sobald eine Familie Asyl bekommt und eine Privatwohnung findet, wenn jemand nach erfolglosem Asylverfahren Deutschland verlassen muss oder wenn die Sozialarbeiterinnen Familien, die bei der Flucht getrennt wurden, wieder zusammen führen.

Die Bewohnerinnen und Bewohner in der Böblinger Straße setzen sich zur Zeit aus 14 verschiedenen Nationalitäten zusammen. Das Zusammenleben auf vier Stockwerken gestaltet sich in der Regel friedlich, auch wenn sie teilweise nicht miteinander reden können. Diejenigen, die schon etwas länger hier leben, unterstützen häufig Neuankömmlinge beim Zurechtfinden in dieser neuen Umgebung. Circa 20 Personen teilen sich eine Küche und ein Badezimmer. Jedes der vier Stockwerke hat eine Waschmaschine.

Im Haus wohnen sehr viele Familien mit Kindern. Diese besuchen internationale Vorbereitungsklassen der Grundschule oder eine weiterführende Schule. Manche Kinder lernen so schnell Deutsch, so dass sie schon nach kurzer Zeit in eine normale Klasse gehen können. Den Rekord hält ein Mädchen, das nach drei Monaten aufs Gymnasium wechseln durfte.

Die meisten jungen Frauen und Männer besuchen einen Intensiv-Deutschkurs, einen Integrationskurs oder eine Vorbereitungsklasse der Berufsschule. Einige machen auch einen Bundesfreiwilligendienst oder Praktika. Das Angebot der Sprachfördergruppe des Freundeskreis Süd, der eng mit dem Sozialdienst kooperiert, wird dabei unterstützend gerne angenommen. Leider sind Flüchtlinge aus sicheren Herkunftsländern von vielen Angeboten ausgeschlossen.  Für sie ist es durch das Arbeitsverbot und Ausschluss von offiziellen Deutschkursen oft sehr schwierig, ihren Alltag sinnvoll zu gestalten. Viele von ihnen engagieren sich, indem sie gemeinnützige Arbeit leisten, etwa in der Unterkunft. Zu diesen Aufgaben gehört zum Beispiel das Reinigen der Küchen, Fenster oder des Treppenhauses. Die Flüchtlinge aus „sicheren“ Herkunftsländern  bekommen in der Regel nur von Ehrenamtlichen aus dem Freundeskreis Deutschunterricht, da aktuell in Stuttgart vor allem Menschen mit Bleibeperspektive Zugang zu professionellem Deutschunterricht erhalten.

Das Zusammenleben ist durch die Unterbringungssituation in 4-er Zimmern für Familien und Alleinstehende eine große Herausforderung. Einer Person steht gesetzlich momentan eine Wohnfläche von 4,5 m² zu. 2016 sollte die Fläche auf 7m² vergrößert werden, die aktuelle Situation in Bezug auf verfügbaren Wohnraum lässt dies aber nicht zu.

Eltern leben, essen, schlafen in einem einzigen Zimmer mit ihren großen und  kleinen Kindern, ohne Rückzugsort für Hausaufgaben oder Privatsphäre. Wenn einer über die Box Musik hört, hören alle Musik. Wenn das Baby nachts schreit, können die Grundschüler auch nicht schlafen. Die Kinder bekommen in dieser Situation nicht selten die Sorgen und Ängste der Eltern ungefiltert mit. Die ehrenamtliche Kinderbetreuung ermöglicht es den Kindern, sich für ein paar Stunden pro Woche unbeschwert zu bewegen und zu spielen. Sie helfen manchmal auch bei den Hausaufgaben.

Auch Alleinstehende teilen sich ein 4er-Zimmer. Bei der Zimmerbelegung wird versucht, zumindest auf die Nationalität, Religion und Sprache innerhalb eines Zimmers Rücksicht zu nehmen. Das erspart kulturelle und sprachliche Missverständnisse, die Situation fordert aber trotzdem viel gegenseitige Rücksichtnahme.

Bei Fragen zu rechtlichen Belangen, dem Asylverfahren, Schule, Kindergarten, Arbeit, Bildung, Sprachkursen, medizinischer Versorgung, Freizeit, familiären Angelegenheiten, in Konfliktsituationen und im Kontakt mit Behörden können die Bewohner die Sozialarbeiterinnen im Haus in den Sprechzeiten oder mit Termin aufsuchen. Sie unterstützen sie als Sozialdienst für Flüchtlinge in sämtlichen Belangen und komplexen Problemlagen,  vermitteln bei Bedarf an geeignete Fachstellen, Kooperieren mit verschiedenen Einrichtungen und Institutionen im  Stadtteil und stehen auch in sehr engem Kontakt mit dem Freundeskreis. In Stuttgart betreut so ein vollbeschäftigter Sozialarbeiter 136 Flüchtlinge. Um Fragen und Probleme, die das Haus betreffen, etwa Zimmerbelegung oder Reparaturen, kümmert sich die Hausleitung, die im Falle der Böblinger Straße vom Hausbesitzer beauftragt wird.

Beitrag von Katja Demele, Sozialarbeiterin in der Böblinger Straße

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