Bei der Einführung in die interkulturelle Kommunikation ging es um Herausforderungen und Fallstricke, die auftreten, wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen miteinander kommunizieren. Das berühmte Zitat aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint Exupéry passt gut auf Situationen, in denen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammentreffen. Das wurde den rund 30 Teilnehmern aus dem Freundeskreis Flüchtlinge Stuttgart-Süd beim ersten Workshops zur interkulturellen Kommunikation schnell klar. Ein Rollenspiel sollte ihnen verdeutlichen, dass wir die Handlungen anderer Menschen zwar klar und deutlich sehen, aber eben durch die Brille unserer eigenen Kultur: Eine Frau trägt nur Socken und sitzt am Boden, während ihr Mann auf dem Stuhl sitzt und ihr fast herrisch die Hand auf den Kopf führt. Für uns ein offensichtlich archaisches Rollenverständnis, in dem die Frau unter dem Mann steht.

Doch in Wahrheit muss das keineswegs der Fall sein. In der dargestellten, fiktiven Kultur gilt die Frau als heiliges Wesen, das Leben spendet und als Einzige direkt den Boden berühren darf. Nicht der Mann herrscht, sondern die Frau ist ihm übergeordnet. Nur sie darf die Erde berühren, darauf sitzen und barfuß gehen. Männer müssen auf Stühlen sitzen und Schuhe tragen. Sie dürfen Frauen nur berühren, wenn sie zuvor ihre Pflicht getan haben.

Der Kommunikations-Eisberg

Die Lehre daraus: Treffen wir Menschen aus anderen Ländern (oder auch nur Bundesländern), dann sehen wir in ihren Handlungen nur einen kleinen Teil ihrer wahren Kultur – und bewerten diesen aus unserer Kultur heraus, nach unseren eigenen Traditionen und auch mit unseren eigenen Ansprüchen. Wie bei einem Eisberg verbergen sich unzählige Hintergründe jeder Handlung unter der sichtbaren Oberfläche. Traditionen, Glaube, Rollenverständnis oder auch einfach nur Gewohnheiten sind sich oft ganz anders, als sie auf Fremde wirken.

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Trainerin Heike Göttlicher erklärt die Eigenheiten einer bestimmten Kultur anhand eines Eisberges, bei dem der größte Teil nicht direkt sichtbar ist.

Treffen wir mit anderen Menschen zusammen, dann geht es diesen aber genauso – nur umgekehrt. So sind Missverständnisse, Frust oder auch Antipathien häufig fast schon vorprogrammiert. Wir bewerten die Spitze des „fremden Eisbergs“ auf Basis unseres eigenen Fundaments, der Gegenüber tut es in ähnlicher Form mit seinem kulturellen Unterbau. Mit dieser Eisberg-Theorie erklärte die interkulturelle Trainerin und Geschäftsführerin von „TogetherStrong“ Heike Göttlicher, wie sich Missverständnisse aufbauen – und aus dem Wissen darum auch ausmerzen lassen. Die einfachste Methode dabei sei: Nachfragen und Unterschiede offen behandeln. Flüchtlinge erhalten übrigens eigens Integrationskurse, in denen ihnen die deutsche Kultur nahe gebracht wird.

Typische Deutsch – Kommunikation im Spiegelbild

Im zweiten Teil des Trainings wagte sich Steffen Henkel, der Geschäftsführer der „Crossculture Academy“ auf das weite Feld typisch deutscher Kommunikations-Eigenarten. Er hielt den Teilnehmern dabei recht kurzweilig und anschaulich den Spiegel vor. Zum Beispiel zeichnet die „typisch deutsche“ Kommunikation aus, dass man sich überwiegend an der Sache orientiert – emotionale Informationen werden bei uns strikt von den „Nutzdaten“ getrennt, so Henkel.

Das klingt wie eine Binsenweisheit, wenn man sich vorstellt, wie schlecht viele von uns in der hohen Kunst des Smalltalks sind, oder wie wir Konflikte stets lösen wollen, indem wir das Problem lösen – und nicht in erster Linie, indem wir versuchen, uns auf einer persönlichen oder gar privaten Ebene mit unserem Gegenüber anzunähern. Zu guter Letzt mischen wir laut Stefan Henkel nur vergleichsweise wenig sachliche mit persönlichen Informationen und trennen auch klar zwischen Job und Privatem. Dies ist in vielen anderen Kulturen deutlich weniger ausgeprägt, was eben uns Deutsche weltweit auch tatsächlich als Deutsche erkennbar macht.

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Steffen Henkel erklärt, wie Missverständnisse häufig eben nicht von einer Person oder der Sache ausgehen, sondern von unterschiedlichen Kulturen.

Bewegt man sich außerhalb der bekannten Kommunikationswege und -Rituale, dann verlässt jeder Mensch seine eigene Komfortzone, so das Fazit der Trainer. Doch wenn man dies tut, dann offenbart sich eben auch die Chance, seinen Horizont tatsächlich zu erweitern, neue Menschen und eben auch deren unterschiedliche Kommunikationswege kennenzulernen.

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Rund 30 Ehrenamtliche Helfer des Freundeskreis besuchten das erste Training zur interkulturellen Kommunikation.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine lebhafte Diskussion unter den Teilnehmern mit einem Fazit, das einfacher klingt, als es tatsächlich ist: Wenn wir mit unseren neuen Gästen reden, Sprachunterricht geben, kochen oder uns zu einem Ausflug verabreden, dann haben wir es mit Menschen zu tun, für die wir ähnlich fremd sind wie sie für uns.

Die Trainings zur interkulturellen Kommunikation sollen fortgesetzt werden – sowohl für ehrenamtliche Helfer als auch für Flüchtlinge und für beide Gruppen gemeinsam. Details und Termine dazu werden hier bekanntgegeben.

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