Wir bekommen die Verschärfung der Situation für Menschen aus sogenannten sicheren Herkunftsländern direkt mit. Ein Fall sei hier als Beispiel geschildert.

Es geht um eine serbische Romafamilie, bestehend aus Eltern und zwei Söhnen im Teenager-Alter, die als schöne deutsche Durchschnittsfamilie durchgehen könnte. Schon in seiner Jugend in der Nach-Tito-Ära wurde der Vater ausgegrenzt. Eine weiterführende Schule brach er mit 16 Jahren ab, weil er von den anderen Schülern unerträglich gemobbt wurde. Die Mutter ging nur sechs Jahre zur Schule, weil sie auf dem Schulweg bedroht wurde. Später machte sie als Externe ihren Schulabschluss entsprechend der Hauptschule nach.

Pöbeleien, kein Geld im Job

Der Vater konnte nach seinem Militärdienst Anfang der Neuzigerjahre im Baugewerbe als LKW-Fahrer einige Jahre recht und schlecht arbeiten. Er machte dann den Busführerschein und arbeitete ein Zeitlang als Busfahrer. Dabei war er als Rom ständigen Pöbeleien ausgesetzt. Nebenher machte er eine Weiterbildung an einer Schule für Verkehrstechnik und schaffte dabei auch einem mittleren Bildungsabschluss. Daraufhin arbeitete er bei der Busfirma in der Verkehrslogistik. In ddiesen Tätigkeiten bekam er über die Jahre seinen Lohn immer wieder verspätet oder gar nicht. Als er versuchte, sein Recht gegenüber dem Arbeitgeber einzufordern, wurden er und seine ganze Familie von Schlägern bedroht. Das war der Auslöser für die Flucht nach Deutschland.

In Stuttgart-Süd bemühte sich die Familie vom ersten Tag an um Sprache und eine berufliche Perspektive. Innerhalb eines Jahres hatte der Vater ein Praktikum in der Pflege gemacht und einen Arbeitsvertrag mit einem Altenheim für ein Jahr Bundesfreiwilligendienst (BFD) in der Tasche. Diesen Dienst konnte er nie antreten, denn er bekam keine Arbeitsgenehmigung mehr. Er hatte beste Chancen, im kommenden Herbst eine reguläre Altenpflegeausbildung beginnen zu können. Mit einem mittleren Bildungsabschluss könnte er direkt, ohne weitere Qualifizierungsmaßnahmen, die Ausbildung beginnen.

Aus der Integrationsklasse zur Gymnasiums-Empfehlung

Der ältere Sohn kam bereits vor Ablauf des Schuljahres aus der Integrationsklasse in eine reguläre Klasse in der Werkrealschule. Der jüngere Sohn bekam nach einigen Wochen im neuen Schuljahr in der Grundschule eine Empfehlung fürs Gymnasium – vor allem durch seine hervorragenden Mathe-Talente. All das spielte bei der Entscheidung über den Asylantrag keine Rolle.

Als klar wurde, dass die rechtlichen Möglichkeiten für eine Bleibeperspektive ausgeschöpft waren, ergab sich ein Kontakt zur Stuttgarter Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer. Sie ermutigte die Familie und Ehrenamtliche aus dem Freundeskreis Flüchtlinge zu einem Härtefallantrag. Der Antrag wurde korrekt gestellt – auch in der Hoffnung, dass die Familie während der Bearbeitung des Antrags arbeiten kann und in einem halben Jahr einen Ausbildungsvertrag mit der Pflegeeinrichtung präsentieren könnte. Doch die Ausländerbehörde reichte kommentarlos ein Formblatt für eine freiwillige Ausreise. Erst auf Anfrage wurde klar, dass der Härtefallantrag abgelehnt war und eine Abschiebung nun tatsächlich unmittelbar drohte.

Keine Flucht in die Sozialsysteme

Dieser Fall ist vor allem deshalb so tragisch, weil diese Familie immer alles richtig machen wollte. Sie suchte eben keine Flucht in die Sozialsysteme, sie wollte hier das erreichen, was ihr in ihrer Heimat immer wieder verwehrt wurde und auch künftig verwehrt bleiben wird – mit guter Arbeit ein auskömmliches Leben zu führen. Die Familie kann in Serbien auf keinen Fall mehr an ihren früheren Wohnort zurück. Verwandte, die dort vorübergehend gewohnt haben, wurden erst kürzlich wieder massiv verbal bedroht und mussten danach an einem anderen Ort unterkommen.

Die Familie will mittlerweile nur noch ihren Frieden haben und sich auf das vorbereiten, was sie nach ihrer Rückkehr erwartet. Sie möchte ihren Namen nicht öffentlich lesen. Wir meinen aber, dass diese Geschichte erzählt werden muss. Deshalb tun wir dies – anonym. Ohne falschen Namen, einfach so, wie man sie eben erzählen kann. Wir werden die gesetzliche Lage nicht generell ändern und wir wollen nicht in der Vorweihnachtszeit auf die Tränendrüse drücken. Aber wir fordern eine faire Betrachtung des jeweiligen Falles. Wir fordern eine Berücksichtigung der Tatsache, dass in den Ländern des Westbalkans eine massive Bedrohung unzähliger Roma-Familien stattfindet – auch oder gerade, wenn diese alles tun, um in der übrigen Gesellschaft mitzuwirken.

Das „Stuttgarter Modell“ braucht Ehrenamtliche – also hört auch auf uns!

Wir setzen uns für Flüchtlinge ein und wollen ihnen helfen, sich hier gut zurecht zu finden. Wir feiern ein Willkommensfest und erleben dabei, wie junge Männer aus dem Irak bei der gemeinsamen Vorbereitung ihre Bitterkeit abschütteln und ausgelassen lachen. Wir üben deutsche Grammatik mit Eritreern und lernen dabei selbst wieder den Unterschied zwischen Dativ und Genitiv. Wir füllen mit Vätern die Formulare für VVS-School-Abos aus und gehen die Tickets kaufen für ihre Teenager-Söhne, damit die verdammt nochmal zur Schule gehen. Wir sehen, wenn sich jemand wirklich wirklich anstrengt. Mehr als die meisten von uns.

Diese Geschichte ist kein Einzelfall.

Hier nochmals der Hinweis zu unserer Petition für einen Winterabschiebestopp.

 

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