Aus der Presse durften wir kürzlich erfahren, dass die Ratsmehrheit aus Grünen und CDU im Haushalt 2016 der Stadt Stuttgart  Versprechen zurücknehmen wollen – ein offener Brief an die Mitglieder des Stuttgarter Gemeinderates.In der Stuttgarter Zeitung vom 7.12.2015 durften wir, die ehrenamtlichen Helfer im Freundeskreis Flüchtlinge Stuttgart Süd erfahren, dass die Stadt in ihren Haushaltsberatungen für 2016 massive Kürzungen erwägt. Diese sollen auch die Arbeit in den Flüchtlingsunterkünften betreffen.

Hintergrund: In den Flüchtlingsunterkünften betreuen jeweils ein/e Mitarbeiter/in 136 Bewohner in der Sozialberatung wie auch in der pädagogischen Heimleitung. Dieser Betreuungsschlüssel, so erleben wir Ehrenamtliche in der Zusammenarbeit mit „unseren“ Sozialarbeiterinnen vor Ort tagtäglich, ist viel zu groß. In der Böblingerstraße (zirka 170 Bewohner) arbeitet eine hauptamtliche Sozialarbeiterin, die von einer Kollegin aus einer anderen Einrichtung stundenweise unterstützt wird.

Im Oktober 2015 wurde uns vonseiten der Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP), Staatsrätin Dr. Gisela Erler und MDL Muthterem Aras (Die Grünen) im Rahmen ihres Besuches bei unserem Freundeskreistreffen im Generationenhaus in Heslach (siehe Foto oben) – klar signalisiert, dass der Betreuungsschlüssel in den Flüchtlingsunterkünften von jetzt 1:136 auf 1:120 verbessert würde. Nun entnehmen wir der Presse, dass die Ratsmehrheit aus CDU und Grünen vorhaben, gegen diesen Plan zu stimmen. Stattdessen sollen die Mitarbeiter mithilfe von Freiwilligen und ehrenamtlichen Helfern entlastet werden. Indirekt wird CDU-Fraktionschef Alexander Kotz mit der Aussage zitiert, man fände derzeit gar keine hauptamtlichen Mitarbeiter.

Diese Darstellungen können wir nicht so stehen lassen. Bitte bedenken Sie folgende Punkte:

  • Im Gespräch mit den Mitarbeitern und Ehrenamtlichen des Freundeskreise Flüchtlinge Stuttgart Süd bestätigten Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer, Staatsrätin Dr. Gisela Erler und Grünen MDL Muhterem Aras im Oktober, dass auch ein Betreuungsschlüssel von 1:120 längst nicht optimal sei – aber ein möglicher erster Schritt. Diese bereits angekündigte  Maßnahme zurückzunehmen würde die Moral aller Beteiligten in der Stuttgarter Flüchtlingsarbeit massiv dämpfen – zusätzlich zu den Belastungen durch drohende Abschiebungen, neue Massenunterkünfte und akuter Arbeitsbelastung.

    BB_Pano
    Um die rund 170 Bewohner der Unterkunft Böblingerstraße kümmert sich eine hauptamtliche Mitarbeiterin, die stundenweise von einer Kollegin unterstützt wird. Sie ist zusätzlich mit der Einarbeitung neuer Kolleg/innen in anderen Einrichtung beschäftigt und an vielen Aktivitäten des Freundeskreise auch nach Feierabend beteiligt.
  • Gerade die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer und Freiwilligen (z.B. FSJ, BUFDis) kann nur funktionieren, wenn es genügend qualifizierte Mitarbeiter gibt, die deren Engagement lenken und koordinieren – zusätzlich zu den alltäglichen Betreuungsaufgaben der Bewohner in den Unterkünften. Freiwilligen Helfern fehlt die Ausbildung für eine qualifizierte Betreuung der Flüchtlinge. Nicht umsonst durchlaufen Sozialarbeiter/innen ein Studium, mindestens ein Praxissemester sowie verschiedene Praktika, bevor sie ihren Beruf ausüben können.
  • Zurzeit expandieren die Sozialdienste in extrem hoher Geschwindigkeit. Neues Personal muss in die komplexe Tätigkeitvon den verhältnismäßig wenigen erfahrenen Mitarbeiter/innen eingearbeitet und am Anfang begleitet werden. Diese Zeit muss ebenfalls vom Schlüssel herausgeschnitten werden. Auch diese Zusatzaufgabe erledigen die vorhandenen hauptamtlichen Betreuer/innen, zum Beispiel in neuen Massenunterkünften. Diese Einsätze sind durch keine Kontingente abgedeckt, werden aber dennoch erledigt, da sie einfach notwendig sind. Die Folge sind jetzt schon häufigere Erkrankungen und Fehltage, für die es keinen Ersatz gibt. Hier weiter gute Mitarbeiter/innen zu „verheizen“, darf nicht passieren.
  • die Aussage, man finde keine qualifizierten Mitarbeiter, ist schlichtweg falsch. Es gibt genug Sozialarbeiter/innen, die eingesetzt werden können. Jedoch sind diese unter den vorherrschenden Arbeitsbedingungen mit einem Schlüssel von 1:136 und ohne zusätzliche Kapazität für deren gewissenhafte Einarbeitung nur schwer zu gewinnen und zu halten. Die Arbeitsplätze müssen so ausgestaltet werden, dass die Mitarbeiter/innen auch auf Dauer einsatzfähig sind und nicht durch zu hohe Belastungen schnell ausbrennen.

Aus den genannten Gründen bitten wir, die Ehrenamtlichen Helfer im Freundeskreis Flüchtlinge Stuttgart Süd, Sie mit allem Nachdruck, sich dafür einzusetzen, dass der Betreuungsschlüssel in der Sozialbetreuung und der pädagogischen Heimleitung von Flüchtlingsunterkünften wie angekündigt auf jeweils 1:120 festgelegt wird.

Wir alle arbeiten jenseits aller Betreuungsschlüssel gern in unserer Freizeit daran, dass in unserer Stadt eine gute Nachbarschaft zwischen alteingesessenen und neuen Bürgern aller Nationalitäten besteht und sich schutzsuchende Menschen bei uns gut einleben können. Sorgen Sie dafür, dass es dafür funktionierende professionelle Strukturen gibt.

Nur so kann das Stuttgarter Modell funktionieren.
Mit freundlichen Grüßen – für den Freundeskreis Flüchtlinge Stuttgart Süd

Heide Soldner
Barbara Rochlitzer
Christa Niemeier
Tobias Leicher
Reinhard Otter

und viele weitere ehrenamtliche Helfer (die sich gerne unten in den Kommentaren eintragen dürfen)

 

Advertisements