Die Geschichte einer Flucht aus Eritrea durch die Sahara nach Norden – festgehalten nach der Erzählung auf dem Willkommensfest.

Das Willkommensfest am 15. November im alten Feuerwehrhaus wirkt bei Flüchtlingen, den Leuten aus dem Organisationsteam und bei Besuchern noch lange Zeit nach. Es war ein großartiges Fest. Es hat ein Zeichen der Zusammengehörigkeit gesetzt, nur 48 Stunden nach den Anschlägen in Paris. Völlig losgelöst von ihnen und ganz anders. Es war fröhlich und musikalisch, kommunikativ und auch nachdenklich. In loser Folge wollen wir hier die Erfahrungsberichte der Flüchtlinge veröffentlichen, die auf dem Fest erzählt wurden.

Die folgende Rede wurde aus dem eritreischen Tigrinya teils über Englisch und teils über Arabisch ins Deutsche übetragen – es handelt sich daher um eine freie, sinngemäße Übersetzung.

Zerabrok – Meine Fluchtgeschichte aus Eritrea

In der dritten Welt wird kaum ein Land in Freiheit regiert. Statt Rechtssicherheit gibt es Korruption, Egoismus und Gewalt – jeder denkt nur an sich selbst.

Eritrea ist eines dieser Länder. Es gibt keine soziale Absicherung, junge Männer und Frauen werden zu lebenslangem Wehrdienst eingezogen. Wir können kein Land besitzen, man kann nicht innerhalb des Landes reisen. Wer dabei erwischt wird, kommt ins Gefängnis. 

Jeden Monat fliehen etwas 3000 Menschen aus dem Eritrea (in Eritrea leben 2 – 3 Mio. Menschen). Viele verschwinden einfach, sie leben dann irgendwo in Wäldern oder in der Wüste. So ging es auch mir und vielen meiner Freunde hier, als wir Eritrea verließen. Wir haben unser Land in alle Himmelsrichtungen verlassen. Wir sind vor Menschen geflohen, die auf uns geschossen haben und sind nach Sudan oder Äthiopien geflohen. Auf dem Weg in den Sudan mussten wir durch die Sahara laufen. Viele sind auf dem Weg verdurstet.

1_Freundeskreis_OR_ex-8897Im Sudan warten Menschenhändler auf Flüchtlinge aus Eritrea. Sie rauben uns aus und manchmal verkaufen sie Leute an Beduinen in der Gegend. Wer sich nicht freikaufen kann, wird misshandelt – mit Schlägen oder mit heißem flüssigem Kunststoff, das auf die nackte Haut getropft wird.

Vom Sudan aus fahren 28 bis 35 Menschen in einem Toyota Pickup Richtung Lybien. Sie fahren 10 bis 15 Tage ohne Essen, ohne Wasser. […] Von Al Jawia aus, der ersten Stadt in Libyen, wurden wir von Schlepperbanden in Etappen von einem Ort zum nächsten gebracht. Sie pferchten uns in Container auf LKWs. Wie in Regalen lagen wir in Stockwerken übereinander. Drei Stockwerke. Mehr als 50 Leute in jedem Stockwerk. 150 bis 180 Leute in einem Container.

Aus den Massenmedien kann man erfahren, wie viele Menschen bei der Überfahrt übers Mittelmehr ums Leben kommen. Doch diese Zahl ist klein im Vergleich zu den Menschen, die auf dem Weg durch den Sudan, Lybien oder Ägypten sterben. Darüber gibt es keine Statistiken.

Wenn wir in Europa, in Deutschland angekommen sind, dann leben wir lange Zeit im Grunde im Bett. Anderthalb oder zwei Jahre konnten wir nicht arbeiten. Das ist eine neue Strapaze. Manche verlieren ihr Selbstvertrauen, zerbrechen an der Situation, begehen Selbstmord. Aber warum verlassen diese Jungen Menschen ihr Land, ihre Heimat und ihre Familien? Warum passiert uns das? Die Frage muss gestellt werden. Aber niemand gibt darauf eine Antwort – obwohl es natürlich Antworten gibt. Doch das Ziel sollte sein, dass alle Menschen für Frieden und Liebe untereinander kämpfen. 

 

 

 

 

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