Es ist schon viel geschrieben und diskutiert worden über freies WLAN für die Vernetzung der Flüchtlinge mit ihren Familien und mit ihrer Heimat.  In „unserer“ Unterkunft in Stuttgart Süd gibt es das seit Ende Juni – dank einiger Helfer aus dem Freundeskreis, Spenden und vor allem dank des Engagement der hilfsbereiten Stuttgarter Freifunker.

Im Grundsatz möchte ich das Thema hier gar nicht weiter ausführen – dafür gibt es genügend Berichte über unser Projekt und weitere Initiativen dieser Art: Auf Spiegel Online, in der Stuttgarter Zeitung / Stuttgarter Nachrichten wie auch im Blog von Freifunk-Stuttgart.

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Wild verkabelt: Der Telekom-Anschluss mit Freifunk-Router im Büro des Flüchtlingsheimes.

Was wir in Stuttgart Süd erreicht haben, kann aber nur ein Anfang sein. Wir haben etwa 170 Menschen, die jetzt dank des WLAN-/Freifunk-Netzwerkes mit ihren Smartphones und Laptops kostenfrei ins Internet kommen. 800.000 Flüchtlinge bis Jahresende sind eine ganz andere Zahl. Alle stehen vor dem gleichen Problem. Andere Unterkünfte und deren Freundeskreise haben schon angefragt, wie das Ganze geht – hier sind alle Antworten.

Anleitung für freies WLAN-Surfen

von unserem Projektkoordinator – und IT-Brain – Gido Krause

Was wird benötigt?

  1. Unterstützung des Freundeskreises vor Ort
  2. Genehmigung des Hausbesitzers einen Telefonanschluss legen zu dürfen.
  3. Genehmigung vom Sozialamt ein WLAN errichten zu dürfen
  4. Geld: ca. 800€
  5. Kontakt zum Verein „Freifunk Stuttgart“
  6. DSL Anschluss beauftragen
  7. Ein Raum wo das WLAN ausgestrahlt wird.

…Punkt für Punkt im Detail

Zu 1. „Unterstützung des Freundeskreises vor Ort“

Bei uns wurde zuerst der Freundeskreis des Flüchtlingsheimes gefragt, ob dieses Projekt für sinnvoll erachtet wird. Das Ziel kann dem Kreis vorgetragen werden und dann wird abgestimmt, ob eine Gruppe dieses Projekt weiter verfolgen soll. Auf keinen Fall ohne Beschluss des Freundeskreises etwas unternehmen. Das endet häufig in Enttäuschung und Misserfolg.

Im Freundeskreis fragt man auch nach Helfern für dieses Projekt: Gibt es Technikaffine Menschen? Gibt es Schreiber, die gern formulieren und sich um Schriftkram kümmern? Leute, die gern Dinge organisieren und Fäden zusammenhalten?

Zu 2. „Genehmigung des Hausbesitzers einen Telefonanschluss legen zu dürfen.“

Meist gibt es im Haus einen Hausmeister. Oder jemanden, dem dieses Haus gehört. Häufig sind das NICHT die Betreiber des Flüchtlingsheimes – also nicht die Caritas o.ä. Da in das Haus etwas baulich verändert wird – es kommt nämlich ein neuer Telefonanschluss irgendwo hin – benötigt man zwingend das Einverständnis des Besitzers bzw. Verantwortlichen.

Am besten diese Menschen ansprechen und das ganze schriftlich fixieren.

Zu 3. „Genehmigung vom Sozialamt ein WLAN errichten zu dürfen“

Ebenfalls hat das Sozialamt zu genehmigen. Die Anfrage als Brief ist an den Sozialamtsleiter zu richten.  Die Kontaktdaten in Stuttgarter geben wir auf Anfrage gern weiter.

Zu 4. „ca. 800 Euro sammeln“

Der wohl schwierigste Punkt. Denn nun muss im Freundeskreis, im Bekanntenkreis, bei Werken die sich vor Ort einsetzen, Geld gesammelt werden. Eventuell gibt es im Freundeskreis auch Menschen, die diese Art von Akquise gern betreiben. Eventuell helfen Aushänge bei benachbarten Vereinen, im Einkaufszentrum, im Geschäft nebenan, etc.

Wie sich die ungefähren Kosten errechnen, ist hier nachzulesen:

Zu 5. „Freifunk Stuttgart“ – oder die Freifunker in der eigenen Region anfragen

Hier geht es um die Störerhaftung. Frage: was passiert, wenn jemand z.B. illegal Filme streamt? Die Antwort ist recht einfach: Man übergibt die Verantwortung für diese Frage komplett ab an den Freifunk Stuttgart oder den entsprechenden Verein vor Ort!

Technisch läuft das so: Man verbindet einen speziellen WLAN-Router für Freifunk im Flüchtlingsheim mit dem dort installierten DSL-Router der Telekom oder des jeweiligen anderen Internetanbieters. Dieses Gerät baut eine Verbindung über das Internet zu den Freifunk Servern. ALLER Internetverkehr wird damit über die Server des Freifunk geleitet. Stellt ein Benutzer nun eine Verbindung zum WLAN her, ist sein Startpunkt für das Internet nicht der lokale DSL Anschluss, sondern eben der Server der Freifunker.

Es ist dabei wichtig, dass niemand Unberechtigtes Zugang zu den Geräten des Freifunks und zum Router hat. Sollte sich jemand Zugang zu diesen Geräten verschaffen, können dem Anschlussinhaber sehr hohe Geldstrafen bei Rechtsverstößen drohen!

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Freie Funker: Projektkoordinator und Anleitungs-Autor Gido Krause (links) mit Christopf Altrock (m.)und Philippe Käufer (r.) von Freifunk Stuttgart bei der Installation des Routers.

Zu 6. „DSL Anschluss beantragen“

Hat man das Geld zusammen und alle Genehmigungen bzw. Kontakte geknüpft, muss der DSL Anschluss beauftragt werden. Meist muss die Telekom einen Neunanschluss legen. Schlimmstenfalls muss die Telekom separat ein Kabel legen – einen sogenannten Hausanschluss. Das kann u.U. teuer werden! Unbedingt die Kosten bei der Telekom unter 0800 33 01903 erfragen.

Dann muss eine Privatperson diesen Anschluss beauftragen. Der Inhaber dieses Anschlusses liegt aber nicht beim der Adresse der Privatperson sondern eben im Flüchtlingsheim. Da diese Anschlussvariante recht kompliziert ist, ist die Telekom derzeit der einzige Betreiber der diese Konstellation in Auftrag nimmt. Wichtig: Nachdem der Anschluss installiert ist, gleich kündigen, damit nach der Mindestvertragslaufzeit von 2 Jahren der Anschluss nicht weiter über die Privatperson läuft. Denn nach zwei Jahren muss wieder Geld gesammelt werden und neu beauftragt werden. Da der Anschluss dann schon liegt können auch günstigere Anbieter ausgewählt werden.

Zu 7. „Raum für WLAN“.

Irgendwo muss das WLAN nun auch ausgestrahlt werden. Bestenfalls in der Nähe eines Gemeinschaftsraumes zu dem die Gäste ständig Zugang haben. Wie bereits erwähnt ist es sehr wichtig, dass die Gäste sowohl zum Router als auch zum WLAN Gerät auf keinen Fall Zugriff haben! Technisch und rechtlich ist das recht kritisch.

..und los gesurft

Ja, das war’s schon. Soweit die Zusammenfassung von Gido Krause.

Zum Schluss ein paar praktische Eindrücke und Tipps: „Schon“ ist relativ zu sehen. In unserem Fall dauerte es von der ersten Idee im Januar bis zur Inbetriebnahme Ende Juni knapp ein halbes Jahr, bis alles lief. Da ist viel Geduld gefragt. Wir mussten mit vielen Menschen reden teils mehrfach. Das Thema ist nicht ganz einfach zu erklären, vor allem Leuten, die mit der Technik dahinter nichts am Hut haben. Das Thema Störerhaltung spielt dabei eine große Rolle. Aber auch die Tatsache, dass man in der Unterkunft etwas installieren muss, die Telekom im Zweifelsfall sogar eine ganz neue Leitung legt. Doch der Erfolg gibt uns recht: Mit durchgängig mehr als 10 angemeldeten Clients – Kinder Spitze auch mal 30 – ist der Zugang im Flüchtlingsheim einer der aktivsten im gesamten Netz von Freifunk Stuttgart, wie auf der  Versorgungskarte zu sehen ist.

Mir selbst war am Anfang auch nicht ganz klar, wie das ganze technisch funktioniert. Deshalb habe ich einen Selbstversuch mit Freifunk unternommen und auch eine solchen Router besorgt. Die Freifunker hatten mir da Gerät bereits vorbereitet, alles weitere lief wie von selbst: Der Router mit der Freifunk-Software wird einfach an den eigenen Internetzugang angeschlossen und spielt dann von selbst los. Um auf der Freifunk-Karte richtig angezeigt zu werden, muss man im Router-Menü noch die eigenen GPS-Koordinaten eingeben, damit der Hotspot auf der Karte richtig angezeigt wird (wenn man das überhaupt möchte). Beim Umgang mit dem Gerät kam aber auch schnell heraus, dass es keines IT-Studiums bedarf, um einen der kompatiblen Router selbst mit der Freifunk-Software zu spielen – die Cracks reden da von „flashen“. Die Anleitung bei den Freifunkern mit Listen kompatibler Geräte erklärt alles sehr einfach, das Menü des Routers ist auch nicht komplexer als das eines Telekom Speedports oder einer Fritzbox.

Erweiterungsoptionen

Ein Freifunk-Netz lässt sich von einem Knoten aus fast beliebig erweitern – ohne weitere Internetzugänge. Schließt man innerhalb der WLAN-Reichweite ein weiteres WLAN-Gerät mit Freifunk-Software ans Stromnetz an, dann finden sich die beiden Geräte automatisch, und der zweite WLAN-Hotspot erweitert das Netzwerk um seine eigene Funkreichweite. Das lässt sich mehrfach fortsetzen, wobei mit immer mehr aneinander hängenden Funkknoten die Datengeschwindigkeit sinkt.

Unser nächstes Projekt ist es, zusammen mit den Bewohnern des Hauses die Funkreichweite des freien WLAN auf alle Stockwerke auszudehnen. Dabei gilt: Freifunk und Freundeskreis helfen bei der Organisation, die Bewohner bezahlen die Geräte und übernehmen die Verantwortung für den Betrieb der Hotspots. Dabei soll auch der Internetanschluss eines Nachbarn mit integriert werden – was übrigens auch eine Option ist, um das Internet überhaupt in eine Unterkunft zu bekommen, wenn z.B. kein zusätzlicher Telefonanschluss und kein Highspeed-Kabel erreichbar sind. Das Projekt zur Erweiterung läuft und wird vorbereitet, doch wie schon bei der Installation des Basis-Netzwerkes müssen eine ganze Reihe Leute mehrfach miteinander reden und alle Eckpunkte abklären. Das braucht auch diese Mal einfach wieder seine Zeit.

Nicht nur für Flüchtlinge

Freifunk funktioniert natürlich auch anderswo – in Kneipen, Altenheimen, Kinderhorten (wenn man da freies Internet für die Kinder will), auf Spielplätzen oder etwa in Schulen – z.B. für offizielle Surf- und Recherchenaufträge.

Man kann hier wie auch im Flüchtlingsheim den Freifunk-Router zu bestimmten Zeiten einfach abschalten. In unserem Fall wurde das nötig, weil die Nutzung zu Beginn praktisch rund um die Uhr stattfand und so auch die eine oder andere nächtliche Lärmstörung aus der Nachbarschaft gemeldet wurde. Jetzt sorgt eine Zeitschaltuhr dafür, dass der Hotspot von 22 Uhr bis 5 Uhr morgens abgeschaltet wird. Im Medienraum einer Schule ließe sich der Freifunk-Router zum Beispiel immer dann aktivieren, wenn ein Internet-Projekt der Schüler ansteht. Und in der Kneipe um die Ecke eben zur Öffnungszeit. Motto: Ein digitales Glas Wasser gratis zum frisch gezapften – und bezahlten – Gerstensaft.

In diesem Sinne: Ein Hoch auf die Freifunker.

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